Zustände in der JVA Tegel

Feb 10, 2023

Häftlinge verletzten sich selbst mit Rasierklingen.

In einem Video aus der JVA Tegel beklagen Häftlinge Unterdrückung und Diskriminierung durch Justiz-Mitarbeiter. Um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, verletzen sich mindestens drei von ihnen selbst. Die Justizverwaltung will den Vorwürfen jetzt nachgehen.

„Wir haben heute Donnerstag, den 9. Februar, in der Teilanstalt 6 in der JVA Tegel“, sagt einer der Häftlinge, der als einziger Insasse mit Gesicht zu sehen ist. Um ihn herum haben sich mindestens zehn weitere Männer gruppiert. „Es geht um Unterdrückung, ausländische Gefangene werden diskriminiert, keine Entlassungsvorbereitung, ärztliche Anordnungen werden von Beamten ignoriert“, sagt er in dem Handy-Video.

Weitere Vorwürfe werden erhoben: angeblich werden im Knast keine Beschlüsse von Gerichten eingehalten, es gebe keine Dolmetscher sowie eine „kollektive Bestrafung für Nichtigkeiten“. Man dürfe sich angeblich nicht beschweren, die Versorgung mit Lebensmitteln sei drastisch reduziert worden.

„Durch diese Aktion möchten wir uns Gehör verschaffen und die Aufmerksamkeit auf uns richten“, sagt der Mann mit Kette um den Hals und richtet seinen Blick zu seinen Mitinsassen. Dann beginnt das Unfassbare: drei Männer beginnen, sich mit Rasierklingen die Unterarme aufzuschneiden. „Nicht übertreiben, Jungs“, sagt eine Männerstimme aus dem Hintergrund.

Die Senatsverwaltung bestätigte der Redaktion. am Freitagnachmittag die Echtheit der Aufnahme. Das Video sei in den Kellerräumen der JVA Tegel aufgenommen worden, der erkennbare Gefangene sei identifiziert.

„Die Senatsverwaltung für Justiz geht den in dem Video erhobenen Vorwürfen gründlich nach“, so eine Sprecherin. „Bekannt sind Unzufriedenheiten bezüglich der ausgegebenen Kaltspeisen bezogen auf die gesamte JVA Tegel.“

Doch wie kommen die Insassen an die Rasierklingen? „Während der Aufschlusszeit können sich die Gefangenen frei – derzeit coronabedingt auf ihrer Station und in dem im Keller befindlichen Sportraum – bewegen und auch Kontakt mit anderen Gefangenen pflegen“, so die Sprecherin. In jeder Vollzugsanstalt werden Hygieneartikel, so auch Rasierer, ausgehändigt. Nicht erlaubt sind selbstverständlich Mobiltelefone.“

Unabhängig von dem konkreten Video setzte sich die Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) seit geraumer Zeit für die Neuaufstellung des Beschwerdemanagements in den Justizvollzugsanstalten ein. Ziel soll ein niedrigschwelliges Beschwerdemanagement sein, in das die Gefangenen Vertrauen haben, so die Sprecherin der Verwaltung.

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