Hertha BSC nach Kay Bernstein

Jan 20, 2024

Hertha BSCs unwichtigstes wichtiges Spiel des Jahres.

Nach dem Tod von Kay Bernstein denken rund um Hertha BSC nur die wenigsten an Fußball. Am Wochenende steht trotzdem der Rückrundenauftakt gegen Fortuna Düsseldorf an. Die Gäste stellen den besten Angriff der Liga.

Nach dem Tod vom Kay Bernstein trauert Hertha BSC um seinen Präsidenten. Der Verein hat ein digitales Kondolenzbuch eingerichtet. Die übliche Pressekonferenz mit Trainer Pal Dardai wurde abgesagt. Auch Interviews mit den Spielern soll es nach dem Spiel nicht geben. „Das wird ziemlich emotional werden“, sagt Herthas Geschäftsführer Thomas Herrich in Video auf den Vereinskanälen.

„Es gibt eine Schweigeminute, wir werden mit Trauerflor spielen“. Außerdem hätten sich viele Gäste angekündigt, die sich von Bernstein verabschieden wollten, so Herrich. Im Vorfeld der Partie haben die Berliner Ultras der Harlekins 98 zu einem Trauermarsch eingeladen. Dazu wollen sich die Fans um 10 Uhr am Theodor-Heuss-Platz versammeln und anschließend gemeinsam zum Olympiastadion laufen. Aus Respekt soll dabei auf alkoholische Getränke und jegliche Form von Pyrotechnik verzichtet werden.

Dass die Partie stattfindet, sei dabei im Sinne von Bernstein, so Geschäftsführer Herrich: „Wir haben am Sonntag um 13:30 ein Spiel und Kay hätte gewollt, dass wir mit Hochdruck an die Arbeit gehen.“ Der Tod des Vereinspräsidenten hat Fußball in den Hintergrund gerückt – und doch braucht Hertha BSC Punkte im Zweitliga-Topduell gegen Düsseldorf (Sonntag, 13:30 Uhr), um den gemeinsamen Traum vom Aufstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Fakten zum Spiel

  • Offene Rechnung: Gegen Fortuna musste Hertha zwei der bittersten Niederlagen der Vereinsgeschichte hinnehmen: 2012 gewannen die Düsseldorfer trotz verfrühtem Platzsturm in der Relegation. 1979 siegte Fortuna nach Verlängerung im Pokalfinale durch ein Tor in der 116. Spielminute.
  • Viele Tore: Fortuna stellt mit 37 Toren die beste Offensive der Liga, Hertha ist mit 33 Toren Zweiter in dieser Statistik
  • Knapp daneben: Mit jeweils 9 Aluminiumtreffern haben Fortuna und Hertha auch am häufigsten knapp daneben gezielt
  • Luftduelle: Düsseldorf schlägt die meisten Flanken aus dem Spiel (256), Hertha gewinnt die drittmeisten Kopfballduelle (375)
  • Zweiter Anlauf: Ex-Hertha-Talent Dennis Jastrzembski etabliert sich bei Fortuna in der zweiten Bundesliga: In 12 Einsätzen gelangen ihm drei Vorlagen
  • Enttäuschende Zeit: Hertha-Neuzugang Aymen Barkok verbrachte zwei Jahre seiner Karriere leihweise bei Fortuna. Unter anderem wegen Verletzungen kam er in dieser Zeit nur auf 18 Einsätze für die Profis.

So läuft es sportlich für Fortuna

In den drei Testspielen der Vorbereitung gelang der Mannschaft eine ausgeglichene Bilanz: eine 0:2-Niederlage gegen NEC Nijmwegen, ein 2:2 gegen Arminia Bielefeld und ein 6:2-Sieg über den FC Dordrecht. Fan-Experte Thorsten Wiese vom Fortuna-Podcast „Gebrabbel Rot-Weiß“ nimmt es positiv: „Da hat unsere berüchtigte Offensive von sich Reden gemacht“.

Fortuna stellt die beste Offensive der zweiten Liga und das ist kein Zufall: Trainer Daniel Thioune setzt auf aktiven Fußball. Seine Mannschaft ist in der Regel feldüberlegen und hat mehrere variable Spieler in ihren Reihen, deren individuelle Klasse ihre Gegner immer wieder vor große Aufgaben stellen.

Gleichwohl war Wiese mit der Abwehrarbeit seiner Mannschaft nicht restlos zufrieden. „Die Schlafmützigkeit in der Defensive ist aufgefallen“, so der Experte. Das habe aber auch mit Experimenten des Trainers zu tun gehabt, der wie Pal Dardai in der Vorbereitung eine Dreierkette ausprobierte. Gegen Hertha wird Fortuna wohl im gewohnten 4-2-3-1 auflaufen, auch wenn Stammrechtsverteidiger Matthias Zimmermann fehlt.

Zwar sei der Kader eigentlich zu klein, so Wiese. Aber: „Wir haben trotz der Ausfälle meistens gut gespielt.“

Das bewegt die Fans

Bei Fortuna sei die Stimmung gut, sagt Wiese: Es mache Spaß, der Mannschaft zuzusehen. „Wir sind spielerisch auch nochmal stärker geworden“, meint Wiese im Bezug auf den hohen Ballbesitz, die gute Passquote und die vielen Tore der Mannschaft.

Fortuna habe in dieser Saison schon einige Spiele nach Rückstand gedreht. „Man kann sich nie sicher sein, dass es gegen uns reicht.“ Außerdem sei die Mannschaft auswärtsstark, sagt Wiese. Platz Zwei in der Auswärtstabelle der zweiten Bundesliga gibt ihm Recht.

Deshalb freue er sich ebenso wie die anderen mindestens 4500 Fans, die für das Spiel nach Berlin reisen, auf den Rückrundenstart, sagt er.

Trotzdem habe ihn der Tod von Hertha-Präsident Bernstein persönlich sehr mitgenommen. Generell sei die Anteilnahme unter Fortuna-Fans riesig gewesen. „Wir wissen alle noch nicht, was uns in Berlin erwartet.“

Das gilt auch für die Mannschaft. Torhüter Florian Kastenmeier sagte unter der Woche: „Ich spreche für alle in unserem Verein, dass wir tiefstes Mitgefühl aussprechen vor allem an seine Frau und sein Kind. Für Hertha ist das ein Riesen-Brett. Auch wir waren geschockt.“

Auf diesen Spieler muss Hertha achten

Fragt man den Experten, auf welchen Spieler Hertha besonders achten müsse, zählt er die halbe Startelf auf. Neben Yannik Engelhardt – einem „der besten Sechser der Liga“ – und Linksaußen Christos Tziolis – einem Dribbler, der gerne in die Mitte zieht und abschließt – nennt Wiese Angreifer Vincent Vermeij besonders häufig.

Der Stürmer erzielte in der Hinrunde neun Tore – genau wie Herthas Haris Tabakovic. Als er verletzt fehlte, habe Fortuna große Probleme gehabt, erinnert sich Wiese. Er sagt über Vermeij: „Der ist auch im System wichtig“. Mit seinen 1,96 Metern sei Vermeij nämlich ein guter Abnehmer für Flanken und biete einen Plan B, wenn der flache Spielaufbau nicht funktioniert. Mit seiner Größe kann er lange Bälle annehmen und fest machen.

So könnte Hertha spielen

Pal Dardai setzte gegen Ende der Hinrunde am liebsten auf ein 4-2-3-1-System mit Florian Niederlechner als Hängender Spitze. Nach Niederlechners Platzverweis im letzten Hinrundenspiel gegen Osnabrück muss Smail Prevljak in seine Rolle schlüpfen.

Auch auf der linken Außenbahn muss Dardai improvisieren. Sein „Unterschiedsspieler“ Fabian Reese fehlt weiter. Ihn könnte gegen Düsseldorf der bisher einzige Winterneuzugang Aymen Barkok ersetzen.

Der 25-jährige Marokkaner kann als Zehner, offensiver Achter oder auf den Flügeln spielen. In der Abwehr fehlt Kapitän Toni Leistner. Führ ihn gibt es mit Pascal Klemens, Marton Dardai und Linus Gechter verschiedene Alternativen. Klemens und Dardai spielten in der Hinrunde allerdings meistens im defensiven Mittelfeld.

Voraussichtliche AufstellungErnst – Kenny, Kempf, Gechter, Karbownik – Klemens, Dardai – Winkler, Prevljak, Barkok – Tabakovic

Die Prognose

Der Tipp des Gegner-Experten: In Anbetracht der tragischen Umstände des Spiels, fällt es Thorsten Wiese schwer, das Spiel zu tippen. „Ich kann nicht vorhersagen, wie sich die Mannschaften fühlen“, sagt er. Trotzdem fahre man nicht so eben mal nach Berlin und hole drei Punkte, sagt er. „Einigen wir uns doch mal auf ein 2:2“.

Der Redaktionstipp: Wahrscheinlich war das nächste Punktspiel bei Hertha noch nie so nebensächlich wie in dieser Woche. Ist die Mannschaft gehemmt oder setzt die Trauer ungeahnte Kräfte frei? Schwer zu sagen. Der Autor des Textes schließt sich deshalb dem Tipp des Fortunen an: Das Spiel endet 2:2.

Redakteur: Dirk Thomas Meerkamp (Chefredakteur)

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